Impuls zum 12. April 2026
Von Klaus Hagedorn (Oldenburg), pax christi-Kommission Aktive Gewaltfreiheit und pax christi-DV Münster
Hoffen besteht im Tun des nächsten Schritts
Vorneweg: Ein Gedicht von Kurt Marti (1921-2017)
ihr fragt
wie ist
die auferstehung der toten?
ich weiß es nicht
ihr fragt
wann ist
die auferstehung der toten?
ich weiß es nicht
ihr fragt
gibt’s eine auferstehung der toten?
ich weiß es nicht
ihr fragt
gibt’s keine auferstehung der toten?
ich weiß es nicht
ich weiß
nur
wonach ihr nicht fragt:
die auferstehung derer die leben
ich weiß
nur
wozu ER uns ruft:
zur auferstehung heute und jetzt
aus: Kurt Marti, AUFERSTEHUNG, in: Leichenreden, 2001
Das Evangelium vom Tag: Der Zuspruch in Johannes 20,19-22
Am Abend des ersten Tages der Woche, als die Jünger aus Furcht vor den Juden bei verschlossenen Türen beisammen waren, kam Jesus, trat in ihre Mitte und sagte zu ihnen: Friede sei mit euch! Nach diesen Worten zeigte er ihnen seine Hände und seine Seite. Da freuten sich die Jünger, als sie den Herrn sahen. Jesus sagte noch einmal zu ihnen: Friede sei mit euch! Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch.
Eine Deutung von „Friede sei mit euch“
In der Bibelstelle zur Begegnung der zurückgezogen-ängstlichen Jünger mit dem nachösterlichen Jesus wird diesen nicht einfach nur Mut zugesprochen, sondern Frieden – dies gleich zweimal! Dieser Frieden ist angesichts erfahrener Bedrohung zunächst nichts anderes als eine Zusage für eine Art inneren Frieden, der nicht verzweifeln und in Dunkelheit versinken lässt. Es geht um die glaubende Gelassenheit, angesichts drohender Gefahren nicht in Angst und Mutlosigkeit zu verharren und dicht zu machen. Es geht darum, furchtlos die Dinge zu betrachten und sodann klug und mutig den „nächsten“ Schritt zu setzen. Es geht darum, jeglicher Passivität durch gespürte Ohnmacht und jeglichem Dichtmachen zu widerstehen.
Abschottung und Zurückgezogenheit sind oft auch Erfahrungen von „Tod“ innerhalb des Lebens. Dem von Jesus zugesprochenen Frieden geht es darum, sich dem Tod zu Lebzeiten, also „vor der Zeit“ zu verweigern. Mit der Zusage des Friedens werden die Jünger zu einem neuen Aufbrechen motiviert, zu einem Alternativkonzept gegenüber jenen Mechanismen, in denen Menschen sich gegenseitig ängstigen und töten. Sie werden zu einem Statement gegen einen „Tod im Leben“, indem sie neu „auf Sendung“ gehen.
Der Frieden, den Jesus zuspricht, beinhaltet auch eine Kraft zur Vergebung. Diese Kraft blickt auf einen unbewaffneten und entwaffnenden Weg zum Frieden. Im Kampf gegen das Böse ist nicht die Vernichtung der Feinde das Ziel, sondern ihre Erlösung durch Vergebung. Weil Gott eine Liebe ist, die sich selbst hingibt, ist seine Macht total anders als das, was wir Menschen uns normalerweise darunter vorstellen. Alle Vorstellungen von Macht und Herrlichkeit, von Kraft und Herrschaft werden neu gefüllt. Der nachösterliche Jesus schickt seine Leute hinaus in einen Anders-Kampf, der in mutiger, angstfreier Vergebungs- und Versöhnungsarbeit besteht – unausrottbare Dialogbereitschaft und Dialoginitiative inbegriffen.
Der Evangelist Johannes schildert die Worte Jesu als Zuspruch, nicht als Forderung oder Anspruch. Im Zentrum steht: „Friede sei mit euch!“ Es ist die Einladung: Lasst euch von diesem Friedensgeist erfüllen und durch ihn aufrichten. Da geht es nicht einfach um Auftrag oder Befehl. Vielmehr drückt sich hier die Bitte um Bereitschaft aus, Gott handeln zu lassen – durch mich, durch uns.
Für mich bedeutet dieser besondere Zuspruch vor allem eine Frage: Wessen Geistes Kind bin ich? Bin ich dem Geist Jesu verbunden, einer Macht furchtloser Vergebung, die auch verwundbar macht? Wo stehe ich in den Konflikten unserer Zeit? Stehe und gehe ich überhaupt irgendwo und irgendwie, oder halte ich mich einfach heraus und mache „dicht“?
Der englische Theologe John Henry Newman hat in einem Gebet so formuliert: „Führe mich, o freundliches Licht, durch die Düsternis, die mich umgibt. Führe du mich weiter. Die Nacht ist schwarz, und ich bin der Heimat fern. Führe du mich weiter; ich wünsche nicht zu sehen, was in der Ferne liegt; der nächste Schritt jetzt ist genug für mich.“
Ein Beispiel für den Weg „nächster Schritte“: Wie ein sterbendes Dorf wieder auflebt
Vor einiger Zeit hörte ich eine unglaubliche Geschichte. Es geht um den Umgang mit Flüchtlingen. Geflüchtete werden nicht als Problem angesehen, sondern als Entwicklungschance – für ein sterbendes Dorf. Ein Leuchtturmprojekt in Süditalien! Was ist geschehen? Domenico Lucano ist seit vielen Jahren der Bürgermeister von Riace, einem Bergdorf im bettelarmen Kalabrien. Riace ist ein dahinsiechendes Dorf mit Häusern, aber ohne Menschen. Ein Geisterdorf. Die meisten sind vor Jahrzehnten ausgewandert – weit weg – auf der Suche nach einem besseren Leben und wegen der Mafia.
Der Bürgermeister sieht die aktuelle Migration nach Italien und reagiert unerwartet. Er holt über das Mittelmeer Geflüchtete ins Dorf. Er hilft ihnen auf die Beine, gibt ihnen Arbeit und ein Dach über dem Kopf. Und er verpflichtet sie dafür, die immer mehr verfallenen Häuser im Dorf zu renovieren. Vorab hat er sich das Einverständnis der Eigentümer eingeholt: „Lasst Flüchtlinge in euren seit Jahren leerstehenden Häusern wohnen; sie renovieren diese im Gegenzug; sie gehen, solltet ihr zurückkommen.“
Alte Gewerke erwachen so zu neuem Leben: Glasmanufaktur und Stickerei, Schreinerwerkstatt, Ölmühle und Weberei. Terrassengärten werden neu angelegt, damit sich das Dorf selbst versorgt. Ein Lebensmittelladen ersteht neu. Taverne und Bar öffnen. Neue Kaufkraft ist im Dorf. So blüht das Dorf wieder auf.
Doch dafür setzt die Mafia den Bürgermeister unter Druck. Sie hasst ihn, weil es ihm gelingt, die mafiösen Strukturen trocken zu legen. Und auch staatliche Stellen: Sie stört dieses Modell einer funktionierenden anderen Migrationspolitik, das in Italien Furore macht. Der Staat überweist bewusst die Flüchtlingsgelder erst Monate später. So erschafft der Bürgermeister in dieser Notsituation eine Ersatzwährung, den Riace-Euro. Das Geld gilt nur in den Läden des Dorfes. Eine kreative Lösung! Wenn das Geld der Regierung ausbleibt, bekommen die Geflüchteten Ersatzgeld für ihre Einkäufe. Das wird dann wieder umgetauscht, sobald die staatlichen Gelder eingehen.
Die Rechtspopulisten unter Matteo Salvini strengen damals gegen den Bürgermeister ein Verfahren wegen Korruption an – ein Schauprozess mit Verurteilung. Und sie setzen ihn ab. In zweiter Instanz wird er freigesprochen und ist seitdem wieder als Bürgermeister in Amt und Würden.
Diese Geschichte bringt mich zum Nachdenken. Wie kann es möglich werden, die Aufnahme von Geflüchteten auch bei uns mit lokaler Entwicklung zu verbinden. Dieses Bergdorf hat es geschafft. Durch die Aufnahme von Geflüchteten hat es deren Probleme gelöst, in erster Linie aber sein eigenes: nicht dahinsiechen zu müssen, sondern auf neue Weise aufzublühen. Dazu braucht es Menschen wie Domenico Lucano, die Hoffnung und Zuversicht ausstrahlen und kreative Ideen haben. Und die überzeugt sind: Hoffen besteht im Tun des nächsten Schrittes.
Ein Friedensgebet – nach Huub Oosterhuis
Gott unseres Lebens:
Der du weißt, was in uns ist,
der du alle Worte verstanden hast
und auch verstehst,
was niemals gesagt werden kann,
höre dieses Gebet.
Ermutige uns, in der Suche nach Frieden nicht zu resignieren.
Stifte uns an, das Friedenstiften nicht aufzugeben.
Ermutige uns, gegen alle Gewalt aufzustehen – wo immer sie geschieht.
Lass keine Toten fallen,
der du für uns das Leben gemacht hast.
Befreie uns aus Verschlossenheit und Dichtmachen
und von unseren Zweifeln
und handle an uns,
dass wir aus Hoffnung leben und suchendem Durchblick
und aufgeweckte Menschen sind -
wie du getan hast
an Jesus von Nazaret, dem Menschensohn schlechthin,
jetzt und für alle Zeit.
Ein Segenswort
Geht in der Kraft, die euch gegeben ist,
geht einfach, bleibt bewegt, geht mit Zuversicht,
in vielem, trotz vielem, vielem zum Trotz,
und haltet Ausschau nach Liebe, Frieden und Gerechtigkeit
und Gottes Geistkraft geleite Euch - immer! Amen.